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Der Arbeitgebermarkt als Window of Opportunity

  • Autorenbild: Julian Maly
    Julian Maly
  • 15. März
  • 3 Min. Lesezeit

In vielen Gesprächen mit Personalentscheidern höre ich derzeit den Satz: „Endlich ist der Arbeitgebermarkt zurück.“ Mehr Bewerbungen, weniger Gehaltsdruck, Kandidat:innen sind realistischer. Die Unternehmen scheinen wieder das Heft in der Hand zu haben.


Auch wenn diese Interpretation in wesentlichen Teilen für den status quo richtig ist, liegt darin ein fundamentales Risiko:


Ja, Österreich zeigt seit 2023 eine Abkühlung am Arbeitsmarkt: Im Februar 2026 lag die Arbeitslosigkeit erneut 2,9% über dem Vorjahr, gleichzeitig lagen die sofort verfügbaren offenen Stellen 10,3% unter dem Vorjahr. Aber: Ein langfristiger Arbeitgebermarkt ist in Österreich (und im DACH-Raum) strukturell kaum plausibel. Denn die demografische Entwicklung, die berufsspezifischen Engpässe und bildungspolitische Versäumnisse kommen im nächsten Aufschwung mit Zinsen zurück.


Im Gegensatz zu Konzernen betrifft das Risiko den Mittelstand unmittelbarer: In Österreich haben 85% aller Unternehmen nicht die Recruiting-Kapazität, um kurzfristig nachzuziehen. Wer jetzt Recruitingprozesse nicht konsequent weiterentwickelt, Employer Reputation und Retention-Maßnahmen schleifen lässt oder Qualifizierung herunterfährt, wird in absehbarer Zeit ad-hoc reagieren müssen.

Statistik Austria meldete für 2025 im Jahresdurchschnitt einen Rückgang der offenen Stellen um 19,5% gegenüber dem Vorjahr. Unternehmen reduzieren Ausschreibungen und verschieben Einstellungen. Zugleich zeigen Praxisbefragungen durch die Bank: Recruiting war 2025 trotz weniger Ausschreibungen kein Selbstläufer. Gut ein Viertel der Stellen war längerfristig ausgeschrieben, bei rund 13% dauerte die Suche 6 Monate oder mehr.


Das Lagebild zeigt nicht nur höhere Arbeitslosigkeit, sondern auch einen deutlichen Anstieg in bestimmten Gruppen – etwa bei jener mit akademischer Ausbildung (+13,7%). Der Arbeitsmarkt entspannt sich nicht „gleichmäßig“, sondern birgt parallel Überhang (z.B. in klassischen Office-Funktionen) und Engpässe (z.B. Life Sciences, Climate Tech etc).


Die demografische Entwicklung macht die Rückkehr zum Arbeitnehmermarkt in vielen Segmenten sehr wahrscheinlich. Die Zahl der 20‑ bis 64‑Jährigen erreichte 2024 ihren Höchststand; bis 2040 sinkt sie um 4,6%. Das ist die Angebotsseite des künftigen Recruiting-Markts.


Wer sich auf gesamtwirtschaftliche Arbeitsmarktzahlen verlässt, steuert Recruiting vornehmlich aus dem Rückspiegel. Nicht umsonst gibt es daneben zeitnahe Engpassindikatoren, die man auch nützen sollte. Dieses Detail ist strategisch entscheidend: Ein Arbeitgebermarkt kann sich auf Berufsfeldebene innerhalb eines Quartals drehen. Wer unvorbereitet ist, bezahlt später unter Zeitdruck häufig ein Preispremium.


Niemand kann exakt prognostizieren, wie lange ein Arbeitgebermarkt in bestimmten Segmenten anhält. Einige interessante Indikatoren lassen jedoch Interpretationen zu: Das WIFO erwartet, dass sich die Konjunkturerholung verfestigt, die Inflation sinkt und die Arbeitslosenquote sich kontinuierlich verringert. Export‑ und Industriekonjunktur bleiben dabei anfällig für Rückschläge.


In der Praxis bedeutet das: Das „Arbeitgebermarkt‑Fenster“ ist eher ein in Monaten bemessener Korridor – mit hoher Segmentierung nach Beruf, Region und Qualifikation.


Deutschland: Das IAB zeigt weiterhin ein großes Volumen offener Stellen, wobei die Mehrheit auf den mittelständischen Bereich entfällt. Selbst wenn also Großunternehmen bremsen, bleibt der Wettbewerb um passende Profile hier weiterhin hoch. Destatis meldet, dass bis 2039 rund 13,4 Mio. Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter überschritten haben werden, das sind 31% des Erwerbspersonenpotenzials 2024.


Schweiz: SECO meldet für Februar 2026 eine Arbeitslosenquote von nur 3,2%. Gleichzeitig berichten 46% der Unternehmen von Schwierigkeiten bei der Rekrutierung qualifizierter Arbeitskräfte.

Die Botschaft ist hier: Selbst in Märkten mit niedriger Arbeitslosigkeit bleibt Recruiting schwierig, da die Qualifikationen fehlen. Und selbst bei sinkenden Vakanzen bleibt die Rekrutierung in Schlüsselrollen anspruchsvoll.



Was bedeutet das für die Praxis?

Ich verdichte die Implikationen auf vier Kernaussagen:


  1. Recruiting wird innerhalb der nächsten 12-24 Monate wieder stärker zum Wettbewerbsfaktor

  2. Der Zyklus bietet gerade etwas Seltenes: Zeit, um funktionierende Prozesse zu bauen, statt im Mangelmodus improvisieren zu müssen

  3. Wesentlich ist das Know-how, welche Rollen in Zukunft zentral sein werden und wie man diese mit der richtigen Strategie langfristig passend besetzt

  4. Das Management im Mittelstand hat dabei zwei große Vorteile, die es nutzen sollte: Kurze Entscheidungswege und praxisnahe Gestaltungsspielräume


Die folgenden Empfehlungen sind als Vorschläge für Themenkomplexe zu verstehen, deren Adressierung besonders auf den Tag X einzahlen, an dem sich der Markt wieder dreht:


  • Erarbeitung eines klaren Rollenportfolios, klarer Prioritäten und Freigabe-Logiken

  • Design moderner Prozesse und Entscheidungsframeworks

  • Definition von Recruiting-SLAs als verbindliche Policy

  • Ausbau von Talent-Pools als Pipeline, inkl. Systematisierung von Referral-Programmen

  • Retention-Fokus für Schlüsselrollen und Benennung von Vakanzrisiken

  • Audit von Re-Skilling, Up-Skilling und Karrierepfaden

  • Etablierung von Workforce-Planung als Szenariomodell




 
 

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