Wird KI dich deinen Job kosten?
- Julian Maly
- 16. Mai
- 5 Min. Lesezeit
Das ist die Frage, die derzeit sehr viele Arbeitnehmer umtreibt. Meine Gegenfrage: Welche Teile deiner Arbeit übernimmt KI in den nächsten drei Jahren – und wo ist dann dein Mehrwert? Wer diese Frage beantworten kann, hat in der anlaufenden Welle viel zu gewinnen.
Wir sprechen mit Kandidaten und Auftraggebern sehr oft über genau dieses Thema. Grob gesagt teilen sich die Zugänge in zwei Lager, nämlich
jene, die warten, bis ihr Arbeitgeber oder der Markt sie zwingt, sich zu verändern und
jene, die Ihre Tätigkeit aktiv gestalten.
Der Unterschied in der Herangehensweise hat dabei enorme Auswirkungen auf die eigene Karriere.
Aber der Reihe nach:
Der Future of Jobs Report des WEF kommt zu einer ziemlich eindeutigen Bilanz: Bis 2030 verschwinden weltweit rund 92 Millionen Arbeitsplätze, gleichzeitig entstehen 170 Millionen neue. Netto ein Plus. 22 Prozent aller heute bestehenden Berufsbilder sind von strukturellem Wandel betroffen. Und die vermutlich entscheidende Zahl: 39 Prozent der heutigen Kernkompetenzen werden bis 2030 transformiert oder schlicht nicht mehr gefragt sein.
86 Prozent der Arbeitgeber erwarten, dass KI und Informationsverarbeitung ihr Geschäft bis 2030 grundlegend verändern. 40 Prozent planen, Stellen in Bereichen abzubauen, in denen KI Aufgaben übernehmen kann. Im selben Atemzug wollen 70 Prozent gezielt Menschen mit neuen KI-Kompetenzen einstellen, 77 Prozent investieren systematisch in Up- und Reskilling. Das klingt auf Anhieb vielleicht widersprüchlich, letztlich ist es allerdings die mit Abstand größte interne Umverteilung der Arbeit, die wir seit der Globalisierungswelle der Neunziger erleben.
Welche Jobs unter Druck stehen
Wer auf die Liste der schnell schrumpfenden Berufe blickt, findet wenig Überraschendes – und doch zeigt sich erst beim genauen Hinsehen, wie tief der Schnitt geht. Am stärksten unter Druck stehen klassische administrative und kaufmännische Sekretariatsfunktionen, Buchhalter und Wirtschaftsprüfer in ihrem traditionellen Tätigkeitsbild, Bankkassiere, Postangestellte, Datenerfasser sowie Druck- und Vervielfältigungsberufe. Deutschsprachige Erhebungen kommen zu vergleichbaren Ergebnissen: Dolmetscher und Übersetzer stehen mit einem Automatisierungsgrad von rund 49 Prozent ganz vorne, gefolgt von klassischen Marktforschungsanalysten, weiten Teilen der Vertriebsadministration und Teilen der juristischen Recherche.
Besonders aufschlussreich ist der Befund bei Berufseinsteigern. Klassische Junior-Positionen in Beratung, Finanzen, Recht und Verwaltung sind in den letzten zwei Jahren in den Stellenausschreibungen um 34 Prozent zurückgegangen. Die Eintrittspforte verengt sich, weil ein Großteil dessen, was Berufseinsteiger in den ersten Jahren gelernt haben – recherchieren, zusammenfassen, Standardanalysen erstellen – heute auf Knopfdruck verfügbar ist. Wer als junger Mensch heute startet, kann und muss schneller Verantwortung übernehmen können als die Generation vor ihm. Das ist anspruchsvoll, aber auch eine Chance.
Welche Jobs entstehen oder stabil bleiben
Schneller wächst keine Berufsgruppe als die rund um KI selbst: Machine-Learning-Spezialisten, Data-Engineers, Cybersecurity-Experten, Software- und Application-Architects stehen ganz oben in der Wachstumsstatistik. Deutlich im Plus ist auch alles rund um Energiewende und nachhaltige Industrie: Renewable-Energy-Engineers, Spezialisten für autonome und elektrische Mobilität, Umwelttechnik, Energieinfrastruktur. Diese Berufsbilder sind im DACH-Raum in den letzten zwei Jahren stärker gewachsen als der gesamte KI-Stellenmarkt.
Im Volumen am stärksten wachsen werden allerdings Berufe, die im öffentlichen Diskurs oft untergehen: Pflegekräfte, soziale Betreuung, pädagogische Fachkräfte, gewerblich-technische Berufe, Handwerk, Bauwesen. Der demografische Druck im DACH-Raum macht diese Felder zu den „sichersten Inseln“ im KI-Sturm. Berufe mit hohem Anteil an menschlichem Kontakt, manueller Präzision und Kontextarbeit sind und bleiben strukturell schwer zu automatisieren.
Und dann gibt es ambivalente Segmente: Vertrieb, Personal, Marketing, Controlling, Beratung, Recht, Management. Hier wird nicht der Beruf per se verschwinden. Aber das Aufgabenprofil verschiebt sich. Die Routine geht klar an Algorithmen. Was bleibt, ist das, was schon immer schwer zu automatisieren war: Urteilsvermögen, Beziehungsarbeit, Komplexitätsbewältigung, Verantwortung, Führung.
Don’t panic, act!
Die meisten Berufe werden nicht durch KI ersetzt. Sie werden durch KI transformiert. McKinsey rechnet vor, dass bis 2030 fast ein Drittel der Arbeitsstunden in Europa automatisiert werden kann. Das heißt: Ein Berater bleibt Berater, arbeitet aber nicht mehr drei Tage an einer Präsentation, sondern drei Stunden. Ein Recruiter sucht weiterhin Kandidaten, durchforstet aber keine zehn Datenbanken mehr parallel. Eine Buchhalterin prüft weiterhin Bilanzen, sortiert aber keine Belege.
Das Ergebnis ist nicht der Wegfall einzelner Personen, sondern eine andere Teamzusammensetzung. Weniger Personen mit deutlich besserer KI-Unterstützung leisten das, wofür heute mehr Personen gebraucht werden. Anders gesagt: Es ist selten der einzelne Mensch, der durch KI ersetzt wird – es sind Teile von Teams, die durch besser ausgerüstete Fachkräfte ersetzt werden. Wer in diesem Spannungsfeld auf der richtigen Seite stehen will, muss handeln.
Transferierbare Assets
Die gute Nachricht: Die Fähigkeiten, die in einer KI-geprägten Arbeitswelt am wertvollsten werden, sind nicht primär technisch. Es ist das Premium Menschlichkeit.
Analytisches Denken steht weiterhin an der Spitze dessen, was Arbeitgeber suchen – sieben von zehn Unternehmen nennen es als zentrale Kernkompetenz. Dahinter folgen Resilienz, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit, Führung und sozialer Einfluss, kreatives Denken, Motivation und Selbstwahrnehmung. Erst dann kommen die technologischen Kompetenzen ins Spiel – wobei KI- und Datenkompetenz die mit Abstand am schnellsten wachsende Skill-Kategorie überhaupt ist. Wer beides verbindet, gehört zu den gefragten Talenten der nächsten Dekade.
Der entscheidende Punkt aus meiner Sicht ist: Diese Fähigkeiten sind transferierbar. Eine Buchhalterin, die zwanzig Jahre lang Komplexität strukturiert, Fehler aufgespürt und Stakeholder verstanden hat, bringt genau das in eine Controlling-, Risk- oder Compliance-Rolle mit. Ein Vertriebler, der Bedarfe ausgelesen, Vertrauen aufgebaut und Verhandlungen geführt hat, ist morgen ein Customer-Success-Manager, ein Key-Account-Verantwortlicher, ein Berater. Eine technische Sachbearbeiterin, die präzise dokumentiert, Prozesse durchschaut und Schnittstellen versteht, hat die Grundlagen für eine Rolle in Process Automation oder Operations Excellence. Was hier im Zentrum steht, ist nicht der Berufstitel, sondern das zugrundeliegende Skillset.
Genau hier verschenken leider viele enormes Potenzial. Weil sie ihren Lebenslauf nach wie vor biographisch in Stellenbezeichnungen denken statt in übertragbaren Kompetenzen. Weil sie ihre Erfahrung in Wordings formulieren, die teils für Arbeitgeber nicht mehr anschlussfähig sind. Und weil sie wie gehabt auf Job-Suche gehen, statt Ihr Profil vorausschauend zu entwickeln.
Was du jetzt tun kannst
Erstens: Verstehen, was KI heute praktisch kann. Nicht in der Tiefe eines Datenwissenschaftlers, aber pragmatisch. Wer einmal ehrlich eine Woche lang versucht hat, ChatGPT, Copilot, Claude oder ein anderes verfügbares Modell in den eigenen Arbeitsalltag zu integrieren, hat mehr mitgenommen als nach zehn Konferenzen. Es geht nicht darum, Prompt Engineer zu werden. Es geht darum, herauszufinden, welche Aufgaben Sie morgen schneller, besser oder anders mithilfe technischer Tools lösen können – und welche ihre ureigenen bleiben (sollen). Diese Erfahrung ist oft mühsam, lässt sich aber durch keinen Lehrgang ersetzen.
Zweitens: Identifiziere Deine transferierbaren Stärken. Welche Komponenten Ihrer heutigen Rolle sind nicht an die Branche, das Toolset oder die Berufsbezeichnung gebunden? Welche dieser Komponenten lassen sich auf wachsende Berufsfelder übertragen? Wer das tiefgehend analysiert, stellt meistens fest, dass die eigene Erfahrung deutlich versatiler ist als gedacht. Wir nennen das im Beratungsalltag Skill-Mapping.
Drittens: Investiere in das, was nicht automatisiert wird. Führung, Verhandlung, kritisches Denken, Storytelling, Komplexitätsbewältigung, Konfliktfähigkeit. 77 Prozent der Arbeitgeber wollen ihre Mitarbeitenden bis 2030 systematisch in diesen Kompetenzen weiterbilden. Wer Initiative zeigt und einen konkreten Entwicklungsplan vorlegt, hat den Startvorteil. Wer wartet, bis das Unternehmen Vorschläge macht, begibt sich in Gefahr.
Viertens, und vielleicht am wichtigsten: Kommuniziere! Mit Vorgesetzten, mit Mentoren, mit Kollegen, mit Headhuntern – you name it. Nicht warten, bis Strukturen sich verändern, sondern aktiv über die eigene Entwicklung sprechen. Damit signalisierst du jenes Mindset, das im Arbeitsmarkt der nächsten Jahre belohnt wird: Eigenverantwortung, Lernbereitschaft, Gestaltungswille.
Die Veränderung kommt – und sie kommt schnell. Aber sie ist nicht das Ende, sondern vor allem ein neuer Anfang, der Chancen eröffnen kann: Was bleibt, ist das, was den Menschen im Arbeitsleben immer schon ausgemacht hat: Denken, Urteilen, Führen, Verbinden, Verantworten. Wer diese Stärken erkennt, ausbaut und bewusst in neue Kontexte überträgt, kommt aus der KI-Welle gestärkt heraus.
