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Fractional Leadership: Was kann der Trend?

Wolfgang Hank
15. Aug.
4 Min. Lesezeit

Seit einiger Zeit schlägt der Begriff auch bei uns regelmäßig auf. Die Frage dahinter ist simpel: Brauche ich für einen anspruchsvollen, aber eng abgrenzbaren Aufgabenbereich wirklich eine Vollzeit-Person?


Das Modell: Ein Fractional CFO, zwei Tage pro Woche, mit Top-Erfahrung, verfügbar ab nächstem Monat, ohne Dienstvertrag und ohne Fixkostenblock. Das Angebot klingt attraktiv. In bestimmten Konstellationen ist es das auch. In anderen kauft man sich damit mehr Probleme als man löst.


Fractional ist nicht gleich Interim

Ein Fractional Executive übernimmt eine Führungsfunktion dauerhaft, aber nur anteilig: ein bis zwei Tage pro Woche, auf Retainer-Basis, meist parallel für mehrere Auftraggeber. Das unterscheidet das Modell von den beiden Formaten, mit denen es gern verwechselt wird. Interim Management ist Vollzeit und befristet, es überbrückt eine Vakanz oder führt durch eine Transformation und endet mit einem definierten Ergebnis. Beratung liefert eine Empfehlung, aber keine Umsetzungsverantwortung. Fractional will beides: dauerhafte Rolle, geteilte Zeit.


Genau diese Mischform ist der interessante Teil, verspricht er doch Expertise, Umsetzung, Best Practices und Budgetschonung gleichermaßen.


Warum das Modell gerade jetzt Zugkraft hat

Auf der Nachfrageseite treffen mehrere Entwicklungen zusammen. Kleinere Unternehmen und Scale-ups brauchen echte Seniorität in Bereichen, in denen sie keine volle Auslastung für eine Leadership-Funktion haben und sich diese auch in Vollzeit nicht leisten wollen: Finanzierung, internationales Reporting, IT-Architektur, Compliance. Gleichzeitig ist die Bereitschaft gesunken, langfristige Fixkosten auf Geschäftsleitungsniveau aufzubauen, solange die eigene Planung nur zwölf Monate weit reicht. Und schließlich sind Schlüsselrollen im gehobenen Segment schwer zu besetzen, was jedes Modell attraktiv macht, das schneller ein Ergebnis verspricht.


Das ist die eine Hälfte der Erklärung.


Ein Teil des Booms kommt vom Angebot

Nach zwei Jahren mit Restrukturierungen, gestrichenen Ebenen und verschobenen Wachstumsplänen sind viele erfahrene Führungskräfte am Markt, die ihre Erfahrung nicht als Arbeitssuche, sondern als Angebot positionieren. Aus dem ehemaligen Bereichsleiter wird ein Fractional COO. Das ist völlig legitim und in vielen Fällen ein sehr gutes Angebot, gerade weil die betreffenden Personen operativ tief drinstecken.


Es verändert aber, wie Sie ein Profil lesen müssen. Der Titel sagt nichts darüber aus, ob jemand ein Geschäftsmodell betreibt oder eine Phase überbrückt. Zwischen einem Spezialisten, der seit sechs Jahren drei Mandate parallel führt, und jemandem, der seit vier Monaten sucht, liegt in der Praxis ein erheblicher Unterschied. Beide tragen erstmal dieselbe Bezeichnung im Profil.


Was das Modell leistet

Am überzeugendsten funktioniert Fractional dort, wo ein klar abgrenzbares Wissenspaket gebraucht wird, das im Unternehmen dauerhaft keine Vollzeitstelle rechtfertigt. Der Aufbau eines belastbaren Reportings vor einer Finanzierungsrunde. Die Vorbereitung auf regulatorische Anforderungen. Eine Preis- oder Margenlogik, die nie systematisch gebaut wurde. Die Auswahl und Einführung eines ERP- oder HR-Systems. In diesen Fällen kaufen Sie Erfahrung ein, die Ihnen an drei Tagen im Monat mehr bringt als ein durchschnittlicher Vollzeitkandidat in vier Wochen.


Ebenso sinnvoll ist das Modell als bewusste Brücke: Sie wollen die Rolle mit zunehmendem Wachstum irgendwann fest intern besetzen, brauchen aber jetzt jemanden, der die Funktion sortiert und eine erstklassige Vorarbeit leistet. Sauber gerahmt ist das eine der besseren Entscheidungen, die man treffen kann.


Wissen lässt sich teilen, Führung kaum

Die Grenze verläuft an einer anderen Stelle. Ein Tag pro Woche reicht, um eine Struktur zu bauen. Er reicht nicht, um ein Team zu führen. Führung passiert in den Zwischenräumen: im Gespräch nach dem Meeting, in der Konfliktsituation am Donnerstagnachmittag, in der Beobachtung, dass eine Leistungsträgerin seit drei Wochen anders auftritt als sonst. Präsenz ist keine Nostalgie, sondern Zugang zu Information, die ein Stand-up nicht hergibt.


Besonders deutlich wird das beispielsweise im Vertrieb. Ein Fractional CRO kann eine Pipeline-Logik aufsetzen, Territorien definieren und ein Forecast-Modell etablieren. Ob die Hunter im Team tatsächlich in die Umsetzung gehen, entscheidet sich in der wöchentlichen Nachverfolgung. Wer den Aufbau einer Vertriebsorganisation anteilig vergibt, läuft Gefahr, wesentliche Frühindikatoren in der Teamführung außer Acht zu lassen.

Anteilige Kapazität ist ein Kostenmodell. Sie ist keine Führungsform.

Die Rechnung fällt oft nüchterner aus als erhofft

Das Kostenargument ist das stärkste Verkaufsargument des Modells und gleichzeitig das am unsaubersten gerechnete. Zwei Tage pro Woche zum marktüblichen Tagessatz ergeben auf Jahresbasis eine Größenordnung von rund 125.000 Euro. Damit liegt man nicht in einer anderen Welt als bei einer festen Geschäftsleitungsposition im mittelständischen Umfeld, nur eben ohne Bindung, ohne Aufbau von internem Wissen und mit einem Übergabeaufwand, der beim nächsten Wechsel erneut anfällt.

Die echte Ersparnis entsteht dort, wo Sie einen Bruchteil einer Funktion brauchen und auch nur einen Bruchteil bekommen wollen. Sie verschwindet, sobald aus zwei Tagen faktisch vier werden, weil die Rolle eben doch eine ganze ist. Und die guten Fractional Executives sind nicht die günstigen. Man weiß es – Preis und Wert…


Was passiert, wenn es unangenehm wird

Der Punkt, auf den wir in Auswahlgesprächen bei solchen Modellen am meisten Wert legen, ist die Verbindlichkeit. Ein Fractional Executive mit fünf Mandaten hat fünf Prioritätenlisten. Wenn Ihr Projekt in eine schwierige Phase kommt, konkurriert es nicht mit Freizeit, sondern mit vier anderen Auftraggebern, die vermeintlich leichter zufriedenzustellen sind. Das ist keine Charaktersache, das ist die Logik des Modells.


Aus der Praxis beobachten wir, dass sich der Unterschied fast immer in Krisen zeigt. Solange das Geschäft läuft, kann anteilige Führung angenehm effizient sein. Wenn ein Großkunde abspringt, ein Werk stillsteht oder eine Finanzierung wackelt, brauchen Sie jemanden, der bleibt, weil es seine Rolle ist, und nicht, weil das Honorar es (gerade noch) hergibt. Verfügbarkeit ist nicht dasselbe wie Verbindlichkeit.


Vor der Modellfrage

Bevor Sie entscheiden, ob eine Funktion anteilig oder fest besetzt wird, sollten Sie eine andere Frage beantworten: Ist das eine Schlüsselrolle mit Ownership, oder ist es ein abgrenzbares Wissenspaket? Beim Wissenspaket ist Fractional oft die klügere Lösung. Bei der Schlüsselrolle mieten Sie etwas, das Sie besetzen müssten.


Aufmerksam werden sollten Sie, wenn das eigentliche Argument für das Modell lautet: Wir finden ohnehin niemanden. Dann liegt kein Modellproblem vor, sondern ein Suchproblem.


Wenn Fractional die richtige Antwort ist, dann bitte mit derselben Sorgfalt wie eine Festbesetzung. Ein definierter Auftrag mit einem Ergebnis, das man am Ende überprüfen kann. Ein fixer Zeitrahmen mit Verlängerungsoption, kein unbefristeter Retainer, den sich niemand mehr anschaut. Eine Vereinbarung darüber, welches Wissen im Haus bleibt und wie es dokumentiert wird. Klarheit über Parallelmandate und mögliche Interessenkonflikte, besonders wenn Wettbewerber im Portfolio sind. Und dieselbe Prüfungstiefe in der Auswahl: Referenzen aus abgeschlossenen Mandaten, nicht aus laufenden, und ein Real Life Assessment an einer echten Fragestellung aus Ihrem Unternehmen statt eines Baukastens aus Methodik.


Denn eines ändert sich durch das Modell nicht: Wer auf Senior-Ebene über Menschen entscheidet, entscheidet über die Zukunft seines Unternehmens. Das bleibt Chefsache, ob die Rolle nun fünf Tage oder zwei Tage pro Woche umfasst. Anteilige Kapazität lässt sich einkaufen. Anteilige Verantwortung gibt es nicht.



 
 
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