Der Markt belohnt Erfahrung. Und jetzt?
- Julian Maly
- 30. Juni
- 5 Min. Lesezeit
Was junge Talente in einem harten Markt selbst in der Hand haben.
Ich finde, man sollte nichts schön reden und den Befund direkt aussprechen: Künstliche Intelligenz ordnet den Arbeitsmarkt gerade neu, der sich ohnehin konjunkturbedingt in einer schwierigen Phase befindet. Die Tendenz zu erfahrenen Profilen ist frappierend deutlich. Auf eine Junior-Ausschreibung kommen derzeit sechs Senior-Positionen. Die Aufgaben, an denen früher die Praxis gelernt wurde, werden zunehmend an Algorithmen delegiert. Die unterste Sprosse der Leiter wackelt stark.
Für jeden, der gerade startet oder in den ersten Berufsjahren steht, ist das keine gute Nachricht. Auch ob es für Unternehmen langfristig ein tragfähiges Modell ist, darf bezweifelt werden – Stichwort interne Karrierepfade.
Abwarten ist die schlechteste aller Optionen.
Ich habe vollstes Verständnis für Frustration. Zum Teil auch für Momente der Resignation. Es ist aber jedenfalls auf individueller Ebene kein Freischein, in den Wartemodus zu gehen. Sich nach 100 Bewerbungen unverändert zu positionieren ist ebenfalls nicht der Königsweg. Denn der Markt kommt so schnell nicht in seine alte Form zurück, und wer auf die Wiederkehr der klassischen Junior-Stelle hofft, wartet auf einen Zug, der (zumindest auf absehbare Zeit) nicht mehr fährt.
Die Frage lautet: Was lässt sich individuell bewegen, hier, jetzt, mit den eigenen Mitteln? Eine Menge, aber nur, wenn man die richtigen Schlüsse zieht und bereit ist, iterativ zu denken und in Aktion zu kommen.
KI everywhere?
Gewachsen ist etwas, das man erst auf den zweiten Blick sieht. Eine aktuelle Auswertung des heimischen Daten- und KI-Arbeitsmarkts, der Daisy Report 2026 von Nejo und data:unplugged mit rund 25.000 Stellen, zeigt: Nur etwa zehn Prozent der KI-relevanten Positionen tragen auch einen KI-Titel wie AI Engineer. Die anderen neunzig Prozent stecken in klassischen Rollen, im Controlling, in der Beratung, in der Softwareentwicklung, und verlangen trotzdem die neuen Kompetenzen. Wer nur nach „Data Scientist“ filtert, übersieht den größten Teil des Marktes. Es gibt einen Hidden Job Market für KI, und er steht jenen offen, die ihn erkennen.
Daraus folgt: KI-Kompetenz aufbauen, aber richtig. Die Versuchung ist groß, Zertifikate auf das Tool des Monats zu sammeln. Das ist nicht, wonach der Markt verlangt. Dieselbe Studie zeigt, dass Unternehmen zuerst konzeptionelles Verständnis suchen und erst danach die Beherrschung eines einzelnen Werkzeugs.
Marktanalyse
Lesen Sie den Markt. Nicht zwei Stellenanzeigen, sondern zwanzig, und nicht, um sich zu bewerben, sondern um Muster zu erkennen: Welche Anforderungen wiederholen sich, welche Skill-Kombinationen tauchen immer wieder auf? Und es geht dabei längst nicht nur um KI-Jobs. Gefragt sind die Skills der Zukunft. Laut dem WEF Future of Jobs Report verändern sich rund zwei von fünf der heute geforderten Kernkompetenzen innerhalb von vier Jahren, und schon jetzt nennen rund sechs von zehn Arbeitgebern die Kompetenzlücke als größtes Hindernis ihrer Transformation. In einem solchen Markt sind fraktionale Fertigkeiten oft nur kurzlebige Werte. Wichtiger sind die Metakompetenzen. Die wichtigste: Adaptability, die Fähigkeit, schnell Neues zu lernen und Gewohntes loszulassen.
Dazu gehört die Wahl des Playing Fields. Es gibt einen Grund, warum sich der sichtbare Markt in Ballungsräumen staut: Dort bewerben sich alle. Während im Rest des Landes mehr offene Lehrstellen als Suchende verzeichnet werden. Vielleicht funktioniert ja eine Relocation auf Zeit?
Zudem liegen die Chancen oft dort, wo es weniger glamourös zugeht und der Bedarf strukturell wächst: im Handwerk, in Climate Tech, in der Energie, im Gesundheitsbereich, in der Hardcore-IT. Der Arbeitsmarkt leidet an einem Nachfrage-Angebots-Problem: Offene Positionen und Arbeitslosigkeit bestehen nebeneinander, weil Qualifikation und Bedarf nicht zusammenfinden. Genau dieses Missverhältnis ist Ihre Gelegenheit. Wo sich dreihundert Bewerber drängen, sind Sie eine Nummer. Wo Kompetenz knapp und das Segment unauffällig ist, werden Sie gesehen.
Überraschende neue Wege
Und manchmal lohnt das Unkonventionelle. Wer nach dem Studium eine Kurzlehre oder eine praktische Zusatzqualifikation draufsetzt, wirkt im ersten Moment, als ginge er einen Schritt zurück. Tatsächlich baut er eine seltene Kombination auf, akademische Grundlage und handfestes Können, und das honoriert der Markt. Der gerade Weg ist nicht immer der vernünftigste.
Positionierung
Bevor Sie sich bewerben, klären Sie, wofür Sie stehen (wollen). Aus einem Profil wird erst dann ein Angebot, wenn ein Unternehmen in wenigen Sekunden erkennt, welches Problem Sie lösen, in welchem Kontext, und woran man sieht, dass Sie es können. Im Finanzbereich kann das Planung und Forecasting in Wachstumsphasen sein, in Operations das Skalieren von Prozessen ohne Qualitätsverlust, im Vertrieb Pipeline-Disziplin und Abschlussstärke. Positionierung heißt dabei nicht, mehr zu sein: mehr Zertifikate, mehr Tools, mehr Titel. Sie heißt, klarer zu sein. Meist genügt weniger, dafür mit rotem Faden. Employability ist nämlich nicht die Summe aller Fähigkeiten, sondern die Kombination aus Relevanz und Belegbarkeit. Eine Fähigkeit, die Sie nicht anwenden und erklären können, ist am Markt kaum etwas wert. Deshalb ist 2026 nicht „noch ein Kurs“ der Königsweg, sondern „noch ein sauber dokumentierter Anwendungsfall“. Positionierung verlangt Mut zur Auswahl. Wer für alles offen ist, ist selten die erste Wahl.
Bewerbungsstrategie
Solange die spannenden Rollen keinen Einsteiger-Titel tragen, finden Sie sie nicht über die Suchmaske und gewinnen sie nicht mit dem Standardlebenslauf, der durch zwanzig Portale gejagt wird. Vier von fünf Unternehmen filtern Bewerbungen heute zuerst maschinell nach Schlüsselwörtern, und in vielen Prozessen ist das LinkedIn-Profil der erste Screening-Punkt, noch bevor jemand Ihr PDF öffnet. Beides läuft auf dasselbe hinaus: Ihr Beitrag muss schnell erkennbar sein. Ein Lebenslauf ist 2026 kein Werdegang, sondern ein Wirkungsnachweis. „CRM“ ist neutral. „CRM-Projekt verantwortet, Datenqualität erhöht, Sales-Cycle spürbar verkürzt“ zeigt Wirkung. Belege schlagen Beschreibung. KI hilft beim Kürzen und Strukturieren, sie ersetzt aber keine Klarheit: Texte, die perfekt klingen und keine Substanz tragen, fallen im Gespräch auseinander.
Post and Pray funktioniert für Unternehmen nicht, und im Junior-Segment sind Massenbewerbungen über Jobbörsen für Bewerber ebenso wenig der Weisheit letzter Schluss. Sprechen Sie z.B. Unternehmen, die Sie interessieren, direkt an, bevor die Stelle ausgeschrieben ist.
Anspruchsdenken
Bleibt der Punkt, der vielleicht am meisten weh tut, denn er betrifft die eigenen Ansprüche. Ortsunabhängiges Arbeiten, Workation, nicht zuviel Kundenkontakt, der Hund im Büro, der Arbeitsweg unter zwanzig Minuten: verständliche Wünsche, aber im derzeitigen Markt für Einsteiger und Juniors kaum durchsetzbar. Klüger ist, sie vorerst zurückzustellen, den Fuß in die Tür zu bekommen und diese Privilegien später aus einer Position der Stärke zurückzuverhandeln.
Verwechseln Sie nicht, was Sie sich wünschen und was Social Media sagt, mit dem, was Sie heute fordern können. Wer zuerst liefert, darf danach gestalten.
Zukünftige Entwicklung
Unternehmen, die jetzt kaum jemanden nachziehen, verschieben den heutigen Fachkräftemangel in drei bis fünf Jahren auf die nachrückende Kohorte. Die reale Gefahr ist, die nächste Generation importieren zu müssen, statt sie im Land auszubilden. Im Klartext für die Kandidatenseite: Wer in einem schwachen Markt echte Kompetenz aufbaut, wird in dem Moment knapp und gesucht sein, in dem der Markt wieder dreht. Und dass er dreht, ist absehbar, die Demografie sorgt dafür. Den Zeitpunkt bestimmen Sie nicht. Den Hebel schon.
