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4 Prinzipien für einen exzellenten Suchprozess

  • Julian Maly
  • 20. Juli
  • 6 Min. Lesezeit

Der Prozess ist nicht alles, aber ohne Prozess ist alles nichts. Das Ergebnis einer Personalsuche entscheidet sich nämlich fast immer genau hier. Dieses Thema liegt mir sehr am Herzen, weil mir in unserer Beratungspraxis Best Practices begegnen, aber ehrlich gesagt auch sehr viele grottenschlechte Beispiele.

Der Bewerbungs- und Auswahlprozess ist eine Visitenkarte des Unternehmens und wirkt über das akute Recruiting hinaus.

Dabei geht es nicht um starre oder komplizierte Regeln. Ganz im Gegenteil, es sind eher die Herangehensweise und vier wesentliche Prinzipien, die Ihr Recruiting einfacher und den Start in eine zukünftige Zusammenarbeit effektiver machen:


  • Form follows function

    Ein Standardprozess kann unmöglich alle Eventualitäten abdecken. Unterschiedliche Rollen brauchen individuelle Prozessschritte. Um es trotzdem nicht unübersichtlich werden zu lassen, bietet sich die Defintion von Modulen an, die je nach Anforderung kombiniert werden.


  • Timing

    Ein starres Zeitkorsett konterkariert Momentum und schränkt in entscheidenden Situationen ein. Die einzelnen Phasen müssen zwingend ineinander übergehen dürfen und Abweichungen vom Plan können sinnvoll sein.


  • Hüter des Prozesses

    Es braucht einen „Hüter des Prozesses“, der alle Fäden zusammenhält, das Timing im Blick hat und darauf achtet, dass die Kommunikation in alle Richtungen stimmt.


  • Entscheidungsreife

    Entscheidungen dürfen nicht durch Zeitablauf sondern müssen durch substanzielle Ereignisse getriggert werden. Das muss bereits vor Prozessbeginn klar sein und laufend durch entsprechend aufbereitete Entscheidungsgrundlagen fundiert werden.

Diese 4 Prinzipien ziehen sich durch alle Phasen des Such- und Auswahlprozesses und entscheiden über Erfolg oder Misserfolg.

Phase 1: Candidate Persona

Eine saubere Definition der Rolle und des Anforderungsprofils ist das Fundament. Wichtig ist eine klare Unterscheidung in absolute Must-haves, Nice-to-haves und Kompromissmöglichkeiten. Selbiges gilt bei der Rollenbeschreibung für wesentliche Erfolgsparameter versus Raum für Job Crafting.


Wesentliche Fragen dürfen nicht ausgespart werden: In welcher Situation befindet sich das Unternehmen? Gibt es eine Historie von Fehlbesetzungen, Unsicherheit oder Unruhe im Team? Welche Konflikte wird NN austragen müssen und welches Backing gibt es dafür? Woran würde man nach einem Jahr, nach zwei Jahren Erfolg festmachen?


Hier müssen zwingend die Entscheider an den Tisch. Denn ein Gremium, das erst beim Finalisten zum ersten Mal über das Profil diskutiert, verhandelt vertagte Grundsatzfragen anhand einer konkreten Person nach. Das kostet Zeit und Geld.


Phase 2: Marktmapping

Das Profil beantwortet nicht die Frage, wo die Quellzielgruppe der Candidate Persona liegt. Hierfür ist das Marktmapping wichtig. Welche Unternehmen haben vergleichbare Aufgaben bereits gelöst? Wo sitzen jene potentiellen Kandidaten, die die relevante Situation, etwa eine Internationalisierung, eine Wachstumsphase oder eine Transformation bereits durchlebt haben? Welche Organisationen sind off-limit, weil Kunden-, Partner- oder Gesellschafterbeziehungen dagegenstehen? In welchen Organisationen finden sich aufgrund vergleichbarer Parameter mit höherer Wahrscheinlichkeit passende Targets?


Ein sauberes Mapping ist mehr als eine Firmenliste. Es ist ein Realitätstest für das Profil: Wenn der Markt die gewünschte Kombination aus Erfahrung, Branche und Gehaltsband nur in einem minimalen Spektrum hergibt, muss das Profil entweder nachgeschärft werden oder man muss sich des Risikos bewusst sein, im worst case ohne passende UND interessierte Kandidaten dazustehen. Hier überlappen die Schritte zum ersten Mal sichtbar: Mapping ist keine Phase nach der Profildefinition, sondern ihr Korrektiv. Beides zusammen erzeugt, was am Ende zählt: eine Marktrealität, auf die man sich einigt, bevor der erste Kandidat angesprochen wird.


Phase 3: Zielgruppendefinition

Aus dem Mapping folgt die Verdichtung: Welche Funktionen, Ebenen und Werdegänge kommen konkret infrage, und in welcher Priorität? Die Zielgruppendefinition zwingt zu einer Entscheidung, die man allzu gerne offen lässt: Suchen wir den fertigen Amtsinhaber aus der ersten Reihe oder die aufstrebende zweite Reihe, die den Schritt noch vor sich hat? Beide Antworten sind legitim, aber sie führen zu unterschiedlichen Ansprachen, unterschiedlichen Gehaltslogiken und unterschiedlichen Risiken.


Spätestens hier muss auch die Gehaltstransparenz auf den Tisch: Was sind wir bereit zu bieten und für welches Profil? Wo gibt es Gestaltungsmöglichkeiten? Und auch: welches Level ist das Limit, nicht von Budgetseite, sondern weil die falschen Kaliber angesprochen werden würden.


Auch das ist form follows function: Die Zielgruppe folgt aus der Aufgabe, nicht aus Gewohnheit oder Prestige. Für eine Transformationsaufgabe kann die hungrige zweite Reihe die bessere Antwort sein als der etablierte Name, und für eine Nachfolgesituation im Familienunternehmen zählt kulturelle Anschlussfähigkeit oft mehr als der Titel.


Phase 4: Suchstart

Der formale Suchstart ist der Moment, in dem der Prozess seine Verbindlichkeit bekommt: Zeitplan, Meilensteine, Kommunikationswege, Verantwortlichkeiten. Wer vor dem ersten Kandidatengespräch weiß, wer entscheidet, nach welchen Kriterien und bis wann, kann schnell sein, ohne oberflächlich zu werden. Schnelligkeit entsteht durch Methode und Einsatz, nicht durch Aktionismus. Die Wahl der passenden Kanäle, deren Priorisierung und Kombination erfolgt ebenfalls spätestens hier.


Jetzt braucht der Prozess auch seinen Hüter: eine Person, die den Gesamtprozess verantwortet, Termine einfordert, Entscheidungen herbeiführt und die Kommunikation orchestriert. Denn ein Prozess ohne Ownership zerfällt in Zuständigkeiten, und Zuständigkeiten treffen keine Entscheidungen. Bei zwei Dritteln der Unternehmen dauert die Besetzung von Schlüsselfunktionen länger als drei Monate, und der Markt allein erklärt das derzeit nicht.

Eine lange Time-to-Hire ist meistens ein Entscheidungsproblem.

Phase 5: Kandidatenakquisition

Die Ansprache der Zielgruppe ist der Schritt, an dem sich Prozessqualität zum ersten Mal nach außen zeigt. Sowohl bei einer klassischen Ausschreibung, mit der man Qualitätsanspruch und Kultur transportiert, als auch in der Direktansprache im verdeckten Kandidatenmarkt. Persönlichkeiten in ungekündigten Positionen, erfolgreich, mit Optionen, vergleichen nicht in erster Linie Facts, sie vergleichen Erlebnisse. Eine schlecht vorbereitete Ansprache, eine Woche Funkstille nach dem Erstgespräch, widersprüchliche Aussagen zur Rolle: Jedes dieser Signale ist für einen umworbenen Kandidaten ein potentielles Ausschlusskriterium.


Dazu kommt das Window of Opportunity. Die Bereitschaft eines gut positionierten Kandidaten, sich ernsthaft mit einem Wechsel zu beschäftigen, ist ein zeitlich begrenztes Fenster. Es öffnet sich durch das richtige Gespräch zum richtigen Zeitpunkt, und es schließt sich, wenn der Prozess ins Stocken gerät. Deshalb überlappt die Akquisition mit allem, was folgt: Erste vielversprechende Kandidaten gehen umgehend ins Gespräch, während die Ansprache weiterläuft. Wer die Longlist erst vollständig füllt, bevor das erste Interview stattfindet, opfert seine besten Kontakte dem Ordnungssinn. Diskretion ist dabei kein Add-on, sondern Teil der Professionalität: Wer wird wann informiert, welche Unterlagen kursieren wo, wer spricht mit wem.


Phase 6: Auswahl

In der Auswahlphase entscheidet sich, ob der Prozess sein Versprechen einlöst. Unstrukturierte Gespräche, in denen jeder Interviewer fragt, was ihm gerade einfällt, fühlen sich für Entscheider oft gut an, sind diagnostisch nahezu wertlos und erzeugen bei Top-Profilen den Eindruck, dass mit den Zeitressourcen des Gegenüber nicht bewusst umgegangen wird. Was zählt, ist ein strukturierter Vergleich entlang der Kriterien aus Schritt eins, ergänzt um Formate, die tatsächliches Verhalten sichtbar machen statt geübter Selbstdarstellung. Genau dafür setzen wir auf das Real Life Assessment: reale Aufgabenstellungen aus dem künftigen Verantwortungsbereich, an denen sich zeigt, wie ein Kandidat denkt, priorisiert und kommuniziert.


Dazu gehört auch: Es gibt keine Entscheidung ohne Restunsicherheit. Kein Interview, kein Assessment und keine Referenz beseitigt das Risiko vollständig, einen Menschen einzustellen. Diese Tatsache zu negieren, bewirkt quälend lange Prozesse ohne Outcome. Die Frage lautet nicht "Sind wir sicher?", sondern "Sind wir entscheidungsreif?".


Entscheidungsreife heißt: Die vorab definierten Kriterien sind geprüft, das Verhalten wurde in realitätsnahen Situationen beobachtet, Referenzen aus dem relevanten Kontext liegen vor, und die verbleibenden offenen Punkte sind benannt und bewertet. Wer darüber hinaus weitere Runden dreht, gewinnt keine Erkenntnis mehr, sondern verliert Zeit und häufig den Kandidaten. Jede zusätzliche Schleife muss eine konkrete Frage beantworten.


Spätestens jetzt zahlt sich auch die frühe Einbindung der Gremien aus. Entscheider, der das Profil mitgetragen hat, über den Markt gebrieft ist und die Zwischenstände kennt, kann zügig und informiert entscheiden. Ein Gremium, das kalt auf zwei Finalisten trifft, beginnt den Prozess gedanklich von vorn.


Phase 7: Closing

„Juhu, wir haben uns entschieden.“ Toll. Aber: Die Zusage eines Top-Kandidaten ist kein Haken hinter einem Prozessschritt, sondern das Ergebnis einer Verhandlung, in der beide Seiten unter Unsicherheit entscheiden. Der Kandidat gibt eine sichere Position für ein Versprechen auf. Wer in dieser Phase mit unklaren Konditionen, nachträglich veränderten Rollenzuschnitten oder zäher Vertragserstellung Zweifel sät, verliert auf den letzten Metern, was über Wochen aufgebaut wurde. Verbindlichkeit ist hier die härteste Währung: dokumentierte Zusagen, ein sauberer Vertragsentwurf innerhalb kürzester Zeit, ein klarer Ansprechpartner. Fast die Hälfte der Kandidaten bricht Prozesse ab, wenn sie nicht das Gefühl hat, wirklich gewollt zu werden. Nennen wir es Emotion, und das ist es auch.


Zum Closing gehört auch, Einwände, Unsicherheiten und Gegenangebote auf Augenhöhe zu besprechen. Bei Torschlusspanik hilft oft ein weiteres Vieraugengespräch.


Auch die Kandidaten, die letztlich ein Nein erhalten, gehören zum Closing. Insbesondere nach einem längeren Auswahlprozess! Auf der Ebene von Schlüsselfunktionen sind das keine anonymen Bewerber, sondern Opinion Leader in der Branche, künftige Kunden und Botschafter der Employer Reputation. Eine schnelle, ehrliche und begründete Absage ist gelebtes Reputationsmanagement. Der Markt ist kleiner, als er aussieht, und er hat ein gutes Gedächtnis.


Schritt 8: Pre-Onboarding

Paradoxerweise ist die Phase nach der Unterschrift oft kritisch. Zwischen Vertragsabschluss und erstem Arbeitstag liegen bei Führungskräften oft sechs Monate Kündigungsfrist, und in diese Lücke stößt verlässlich das Gegenangebot des bisherigen Arbeitgebers. Pre-Onboarding heißt deshalb: Kontakt halten, den künftigen Kollegen früh Gesichter geben, erste inhaltliche Einbindung vor dem Start und ein Integrationsplan für die ersten hundert Tage, der diesen Namen verdient. Ein erheblicher Teil der Fehlbesetzungen ist in Wahrheit keine falsche Auswahl, sondern eine verpatzte Integration. Auch das ist Prozess, und auch hier braucht es den Hüter, der die Verbindung hält, bis der neue Mitarbeiter angekommen ist.


Warum sich der Aufwand rechnet

Bleibt die Frage nach dem Preis der Alternative. Eine Fehlbesetzung auf Führungsebene kostet das Zwei- bis Dreifache des Jahresgehalts der Position: Honorare und Abfindungen sind darin der kleinste Posten, der eigentliche Schaden liegt in Produktivitätsverlusten, Teams ohne Orientierung, vertagten strategischen Entscheidungen und dem Abgang guter Leute, die einer schwachen Führungskraft nicht folgen wollen. Dazu kommen die Vakanzkosten jeder Verzögerung. Gerade im Mittelstand, wo Verantwortung konzentrierter ist und personelle Redundanzen kleiner sind als im Konzern, wirkt beides schneller und tiefer.

Eine Fehlbesetzung auf Führungsebene kostet das Zwei- bis Dreifache des Jahresgehalts. Die Vakanz davor kostet zusätzlich, jeden Monat.

Acht Schritte, vier wiederkehrende Prinzipien: Die Kandidaten, auf die es ankommt, erkennen den Unterschied. Der Prozess ist die Visitenkarte. Man sollte sie nicht dem Zufall überlassen.



 
 
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