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Wanted: Sanierer mit Vision

  • Wolfgang Hank
  • vor 7 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Warum ein professioneller Hiring-Prozess gerade in Krisenzeiten ein wichtiger Meilenstein hin zu einem Neuanfang sein kann.


Wenn es in Unternehmen wirtschaftlich schlecht läuft oder es in eine handfeste Krise rutscht, laufen Prozesse oft reflexhaft ab. Vor allem auch im Recruiting: Es muss schnell gehen, Bauchgefühl dominiert die Entscheidung und das nähere Netzwerk ist die erste Quellzielgruppe. Man kennt jemanden, der so etwas schon gemacht hat, ein Telefonat, ein Handschlag, in zwei Wochen ist die Person an Bord. Handlung schafft in solchen Situationen emotionalen Freiraum. Und doch sind diese Entscheidungen nicht selten mit einem hohen, unkalkulierbaren Risiko behaftet.


Das Thema an sich ist allgegenwärtig. Insolvenzrekorde werden allerorts gemeldet. Unter dieser Spitze liegt aber eine weit größere Zahl von Unternehmen, die umgebaut werden müssen: weggebrochene Märkte, Generationenwechsel ohne Nachfolger, Überdehnung nach zu schnellem Wachstum, restriktivere Geldgeber. Das ist der eigentliche Sanierungsmarkt. Krise heißt im Mittelstand in der Regel nicht Abwicklung. Unternehmen brauchen aber sehr oft eine andere Führung.

Wer früh handelt, ist klar im Vorteil, behält die Kontrolle, wahrt Vertraulichkeit und gewinnt vor allem eines: Zeit, die richtigen Personen an Bord zu holen. Genau dieser Zeitvorsprung ist im Hiring besonders essenziell und bringt Entscheidungsqualität.

Sanierer ist nicht gleich Sanierer

Und hier wird es rasch viel differenzierter, als es das gängige Bild vom Sanierer hergibt. Liquiditätsplanung, ein Sanierungskonzept, eine rollierende Vorschau über die nächsten Wochen, all das ist Handwerk, das erfahrene Leute beherrschen (sollten). Den Unterschied macht die Persönlichkeit. Gesucht ist jemand, der unter massiver Unsicherheit entscheidet, ohne in Aktionismus zu verfallen, der Tempo macht, ohne das Unternehmen zu zerlegen. Und vor allem mit der Fähigkeit, gleichzeitig mit Sphären zu connecten, die einander in Krisenzeiten misstrauen: der Belegschaft, die um ihre Arbeitsplätze fürchtet, den Investoren oder Gläubigern, die ihr Geld zusammenhalten, und Gründern oder Gesellschaftern, die Wert erhalten wollen.


Ebenso wichtig ist die innere Distanz zur Unternehmenshistorie. Wer das Unternehmen mit aufgebaut hat, ist von Loyalität zu Entscheidungen, Produkten und Menschen geprägt, die in der Sanierung zur Last werden kann. Es braucht jemanden, der die heiligen Kühe sieht und sie auch schlachten kann, ohne dass es ihn nachts um den Schlaf bringt. Genau deshalb wird ein Restrukturierer in der Praxis häufig auf Druck der finanzierenden Banken installiert und nicht aus dem eigenen Haus rekrutiert. Die Unabhängigkeit ist ein Hygienefaktor.

 

Feuerwehrmann & Architekt

Lange galt: Sanierer sind Kostensenker, die ein Unternehmen gesundschrumpfen, Standorte schließen und Strukturen verschlanken. Doch die Rolle hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Hin zu einer Integrationsfigur mit Zukunftsvision, die auch strategische Verantwortung trägt und nicht selten in eine Permanent-Funktion hineinwächst.


An dieser Stelle wird auch die Debatte zwischen Interim und Festanstellung greifbar. Der Interim-Manager bringt Tempo, Unabhängigkeit und einen klaren Ergebnisfokus mit, er kann binnen Tagen übernehmen und übergibt nach der Stabilisierung wieder. Das ist in der akuten Phase oft wichtig und richtig. Aber er allein löst nicht die Frage, wohin und mit welchem Ergebnis das Unternehmen mittelfristig steuert. Die teuerste Variante ist die, bei der man die akute Krise mit einem Interim brillant meistert und anschließend in eine zweite Krise schlittert, weil die dauerhafte Nachfolge nicht sauber gelöst ist. Professionelles strategisches Recruiting muss beides zusammenführen. Und aus unserer Erfahrung nicht zwingend auf eine Person fokussieren, sondern auf performante Teams mit komplementären Stärken.


Besonders schlechte Erfahrung haben wir mit den „Helden“ gemacht. Der mit der großen Geste, der in den ersten Wochen Entschlossenheit ausstrahlt, der schnelle Schnitte setzt und Applaus von der Bank bekommt. Dabei geht aber rasch das Vertrauen der Workforce und der zweiten Führungsebene verloren. Gescheiterte Führungswechsel zeigen deutlich, dass ohne eine intakte Kernmannschaft die Umsetzung misslingt. Härte ohne Vertrauen ist in dieser Lage also kein Vorzug.


Vertraulichkeit in der Suche

Die Bühne der Sanierung ist für viele Kandidaten erstmal unattraktiv. Hier kann ein professioneller Recruitingprozess viel Positives beitragen. Bei öffentlichen Ausschreibungen ist das Thema Marktwahrnehmung und Vertraulichkeit relevant. Kunden, Mitbewerber und potentielle Talente sollen nicht via unkommentierter öffentlicher Ausschreibung über die Unternehmenssituation informiert werden.


Und oft werden auch „Glücksritter“ angezogen. Die wirklich Erfahrenen sitzen hingegen fest im Sattel und bewerben sich nicht. Man erreicht sie aber via diskrete, gezielte Direktansprache und über die Bereitschaft, in einem vertraulichen Gespräch offen und transparent über die Lage und die Pläne zu reden.


Dazu gehört zwingend, den Track Record zu prüfen. Sanierungserfolge werden oft ohne konkreten Nachweis behauptet. Die Umstände, Bedingungen und was die Person dabei selbst verantwortet hat, sind hier besonders relevante Faktoren.


Geschwindigkeit oder Qualität?

Manche werden jetzt einwenden, dass in der Krise für einen sauberen, mehrwöchigen Suchprozess schlicht keine Zeit da ist, weil jeder Tag zählt. Das stimmt und stimmt zugleich nicht. Es zählt jeder Tag, in dem die wirtschaftlichen Grundlagen gesichert und das operative Geschäft am Laufen gehalten werden, und dafür kann tatsächlich eine schnelle Interim-Lösung der richtige erste Schritt sein. Hingegen ist jeder Tag, an dem keine falsche dauerhafte Führung installiert ist, ein Gewinn. Denn der Schaden daraus überdauert mitunter die Krise. Die schnelle Fehlbesetzung kostet am Ende mehr, auch weil dadurch Vertrauen als ganz wesentliches Kapital weiter erodiert.


Am Ende führt die Krise das vor Augen, was im Recruiting von Schlüsselrollen ohnehin gilt, nur in normalen Zeiten leichter verdrängt wird. Hirings sind die Stellschraube, an der sich sehr viel entscheidet.


Wer das ernst nimmt, sieht in der schwierigsten Phase eines Unternehmens nicht nur das Risiko, sondern die Gelegenheit, mit der richtigen Person an der richtigen Stelle einen langfristig tragfähigen Neuanfang zu setzen.



 
 
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